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Ratten artgerecht halten

Kobold und Hazel

Als ich vor über 5 Jahren anfing, im Tierheim zu arbeiten, war ich mir nicht sicher, ob ich Ratten überhaupt anfassen konnte. Unweigerlich hatte ich das Klischee der krankheitsübertragenden Kanalratte mit dem langen Schwanz und den blitzschnell zubeißenden, messerscharfen Zähnen in meinem Kopf...

 Dann wechselte ich in meinem Praktikum schließlich zu den Kleintieren. Als ich dann das erste Mal eine Ratte aus nächster Nähe sah, war es um mich geschehen. Ich war fasziniert davon, wie sie mir die Futterbrocken aus der Hand riss, sie in ihren kleinen Händchen drehte und wendete, ausgiebig von allen Seiten mit ihrer Nase überprüfte, um sie schließlich, in den Händen haltend, genüsslich zu verspeisen.

Jeden Morgen, als ich den Kleintierraum betrat, kam Layla aus ihrem Häuschen gerannt und hängte sich freudig an das Käfiggitter. Schon bald durfte sie täglich auf meiner Schulter sitzen, während ich die anderen Kleintiere fütterte, und ergatterte hier und da ein Leckerchen. Und es war irgendwie auch klar, dass ich Layla übernehmen musste. Zusammen mit ihrer Kollegin Mandy zog sie vor 5 Jahren in meinen selbstgebauten Käfig ein und erreichte ein stolzes Alter von 3 Jahren.

So begann damals meine Leidenschaft für Ratten. In diesem Bericht möchte ich sowohl Rattenhalter als auch Menschen, die mit dem Gedanken spielen, sich Ratten anzuschaffen, über die artgerechte Rattenhaltung aufklären. Ich gehe dabei auf die richtige Ernährung, Lebensweise und Beschäftigung von Ratten ein.

Ernährung:

Ratten sind Allesfresser. Wichtig ist, den Ratten täglich frisches Trockenfutter und Frischfutter (Obst, Gemüse) sowie Wasser anzubieten. Hauptbestandteil ihrer Ernährung sind stärkehaltige Futterkomponenten wie zum Beispiel Samen und Körner. Jedoch sollte man darauf achten, dass sie wenig Fett zu sich nehmen (zum Beispiel Nüsse), denn es ist nachgewiesen, dass fettleibige Ratten früher an Krebs bzw. Organschäden erkranken (es empfiehlt sich, die Tiere einmal pro Woche komplett nach Umfangsvermehrungen abzutasten). Durch eine ausgewogene und vielfältige, gesunde Ernährung kann man die Lebenserwartung seiner Ratten deutlich steigern. Bei der Zusammensetzung des Trockenfutters ist darauf zu achten, dass folgende Gehalte nicht über- oder unterschritten werden:

Rohfett: 2%, Rohprotein 7-12 %, Rohfaser: 8%

Täglich sollte eine Ratte etwa 2 Teelöffel Trockenfutter zur Verfügung gestellt bekommen. An Frischfutter kann man verschiedene Obst- und Gemüsesorten (kein Kohl!) anbieten, wie zum Beispiel Äpfel, Banane, Birnen, Wassermelonen, Weintrauben, Beeren, Salate, Löwenzahn, Salatgurken, Karotten (werden am liebsten gekocht gefressen), Paprika oder gekochte Kartoffeln.

Unentberhlich ist für Ratten auch tierisches Eiweiß. Man kann täglich ½ Teelöffel Naturjoghurt bzw. Magerquark pro Ratte verfüttern oder ab und an mageres Geflügel- oder Rindfleisch bzw. Eier abkochen (ohne Gewürze!) und in geringen Mengen verfüttern.

Als Leckerchen zwischendurch kann man trockenes, hartes Vollkornbrot, Kürbiskerne, Weizenkeime, rohe oder gekochte Nudeln/ Reis, Kolbenhirse, etc. anbieten.

Süßigkeiten und alkoholhaltige Lebensmittel sind ein absolutes Tabu!

Wissenswert ist außerdem, dass Ratten neue Nahrung, die sie nicht kennen, zunächst vorkosten, um zu testen, ob sie verträglich ist und wie sie sich auf den Organismus auswirkt. Diese Rolle übernehmen die rangniederen Tiere im Rudel.

Kobold und Merlin

Lebensweise:

Ratten sind Gruppentiere. Ein Mensch kann niemals einen Artgenossen ersetzen, auch wenn er sich noch so viel mit seinem Tier beschäftigt. Ratten verständigen sich hauptsäschlich mit Ultraschallsignalen, welche der Mensch nicht wahrnehmen oder aussenden kann. Sie brauchen unbedingt einen oder mehrere Artgenossen, mit dem sie sich “unterhalten” können. Oft werden einzeln gehaltene Tiere verhaltensgestört, beißen und kratzen oder nagen monoton am Käfiggitter. Einzelhaltung bei Ratten ist somit eindeutig Tierquälerei, denn man nimmt der Ratte jeglichen sozialen Kontakt.

Außerdem macht es unglaublich viel Spaß und ist sehr interessant, mehrere Ratten dabei zu beobachten, wie sie miteinander umgehen und tagtäglich ihren ausgeprägten Sozialsinn zeigen. Am besten hält man gemischte Gruppen mit kastrierten Böckchen und Weibchen, denn oft gibt es in gleichgeschlechtlichen Gruppen zu viel Unruhe und Streitigkeiten.

Ratten brauchen in ihrem Käfig unbedingt Kletter- und Versteckmöglichkeiten und eine große Grundfläche, auf der sie sich uneingeschränkt bewegen können. Einstreu und Nistmaterial (keine Hamsterwatte!) sind natürlich auch ein Muss.

Wissenswert ist außerdem, dass Ratten dämmerungs- bzw. nachtaktiv sind, d. h. sie sind eher nicht für kleine Kinder geeignet (auch weil ihnen die notwendige Feinmotorik für das Handling dieser kleinen, agilen und zerbrechlichen Tiere fehlt), sondern eher für Jugendliche oder berufstätige Erwachsene. Es sollte für den Rattenkäfig auch ein Platz ausgesucht werden, an dem die Tiere niemanden bei der Nachtruhe stören.

Bevor man sich Ratten zulegt, sollte man sich außerdem im Klaren darüber sein, dass das Durchschnittalter dieser Tiere bei nur etwa 2 Jahren liegt.

Pebbles

Beschäftigung:

Ratten sind bekannterweise sehr intelligente Tiere und keine Ratte ist glücklich, wenn sie den ganzen Tag ohne Beschäftigung in ihrem Käfig herumsitzt. Dann können Verhaltensstörungen bzw. Aggressionsverhalten auftreten.

Neben einem oder mehreren Artgenossen ist ein geräumiger Käfig bzw. eine Voliere mit einer großen Grundfläche erforderlich. Das Tierschutzgesetz schreibt für ein Rattenpaar eine Mindestkäfiggröße von 80×40×50 cm vor; allerdings kann ein Käfig nie groß genug sein und es gilt: Je größer der Käfig, desto zufriedener und ausgeglichener sind die Ratten. Den Käfig muss man mindestens 1x pro Woche komplett mit warmem Wasser und ohne Putzmittel säubern. Er sollte an einem zugluftgeschützten Ort stehen, da die Tiere sehr empfindlich sind und sich schnell erkälten können.

Zur Grundausstattung des Rattenheims gehören ein Fress- und Trinknapf, wobei man bei größeren Rattengruppen auch mehrere Fressnäpfe auf unterschiedlichen Etagen verteilen kann, um die Tiere zum Klettern anzuregen. Zudem sollte man möglichst staubfreie Einstreu verwenden (Ratten haben sehr empfindliche Atemwege), wie zum Beispiel Hanfeinstreu oder Strohstreupellets. Die Einstreu sollte ca. 15 cm hoch (oder höher) sein, damit die Ratten ihrem Grabebedürfnis nachkommen können. Ratten lieben es, ihre Häuschen mit Nistmaterial auszupolstern. Man sollte unbedingt auf Hamsterwatte verzichten, da diese Gliedmaßen abschnüren und bei Verzehr zum Darmverschluss und somit zum Tod der Tiere führen kann!!! Stattdessen kann man den Pelznasen staubfreies Heu, getrocknete und ungiftige Blätter oder unparfümiertes Toilettenpapier als Nistmaterial anbieten.

Als Schlaf- und Versteckmöglichkeit brauchen die Nager Holzhäuschen, die gut zu reinigen sind. Ganz wichtig ist, bei der Käfigeinrichtung auf Plastikgegestände zu verzichten, da diese beim Verzehr den Magen-Darm-Trakt verletzen können.

Als Klettermöglichkeit kann man dicke Äste im Wald sammeln und diese im Käfig mit Schnur gut befestigen. Empfehlenswert sind auch Sitzbretter, die von den Ratten- auf mehreren Etagen angebracht- als Schlaf- oder Aussichtsplatz genutzt werden. Auch im Zoofachhandel erhältliche Treppen, Holzbrücken und Leiterchen kann man im Käfig einbauen. Dabei muss man darauf achten, dass alle Gegenstände aus unbehandeltem Echtholz sind, damit die Ratten gefahrlos ihrem Nagetrieb nachgehen können. Auch Hängematten werden von den Tieren sehr gern als Schlafplatz angenommen.

Auf Laufräder sollte man verzichten, da diese viele Verletzungsgefahren mit sich bringen und außerdem zu Schädigungen der Wirbelsäule führen, da die Ratten bei der Benutzung von Laufrädern eine ungesunde Körperhaltung einnehmen.

Ein besonders großes Highlight ist für die Tiere, wenn sie Freilauf genießen dürfen. Hierzu baut man ihnen am besten auf einer Couch einen kleinen Spielplatz mit Tunnels, Decken und Höhlen auf und versteckt Leckerchen. Die Tiere sollten nur unter Aufsicht ihren Auslauf genießen, da sie gern an Kabeln knabbern oder selbstständig auf Erkundungstour gehen.

Mit “Wasserspielen” kann man vielen Tieren auch eine große Freude bereiten: Man füllt einen kippsicheren Fressnapf mit Wasser und lässt Leckerchen darauf herumschwimmen oder darin abtauchen, die die Ratten dann mit ihren Händchen im Wasser suchen, ertasten und sie herausfischen müssen.

Merlin

Fazit:

Ich hoffe, dass ich mit meinem Bericht dem ein oder anderen Rattenhalter ein paar hilfreiche Tipps geben konnte.

Diejenigen, die vielleicht Ratten bei sich aufnehmen wollen, müssen sich im Klaren darüber sein, dass dies eine große Verantwortung bedeutet. Sie sollten sich vorab mit folgenden Fragen beschäftigen:

- Ratten sind wunderbare, faszinierende Tiere, aber sie produzieren auch Endprodukte- sind immer die Zeit und das Engagement vorhanden, um den Rattenkäfig gründlich zu säubern?

- Rattenhaltung ist nicht kostengünstig. Ein neuer Käfig, das Futter, die Käfigeinrichtung und Tierarztbesuche können schnell hohe Kosten verursachen. Hat man dafür genügend Geld?

- Die Pelznasen sind zugluftempfindlich, können nachts recht laut werden und brauchen viel Platz. Ist ein günstiger Käfigstandort für einen großen Käfig vorhanden?

- Die Tiere müssen auch täglich versorgt werden, wenn man in Urlaub fährt. Ist eine Urlaubsvertretung (Bekannte, Verwandte, Tierpension,...) vorhanden?

- Hat man genügend Zeit, um sich mit den Ratten zu beschäftigen?

Kann man all diese Fragen mit “ja” beantworten, so wird man sicherlich sehr viel Spaß an seinen neuen Mitbewohnern haben.

A.G.