Schriftgröße: A A A A
Eva - beschlagnahmte Staffhündin, die ihren Lebensabend leider im Tierheim verbringen musste

„Kampfhunde“ – Hysterie vs. Tatsachen

 

Ergänzungen zum Artikel im Tierheimheft 2012 Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung

 

Auf diesen Seiten werden Zusatzinformationen zum Heftartikel zur Verfügung gestellt, um dem interessierten Leser eine breitere Basis zur Bildung eines eigenen Urteils zum Thema „Kampfhunde“ zu bieten. Hier werden Einzelheiten zum Themenkreis „Aussagen der Wissenschaften zu Kampfhunden“ präsentiert.

Zuerst soll ein Gutachten, daß neben der Medienhetze mit ausschlaggebend für die aktuelle Situation ist, vorgestellt werden. Es geht insbesondere um das Kapitel 2.1.1.2.6. dieses sogenannten „Qualzuchtgutachtens“, dessen Inhalt mit zur Begründung der ganzen unsinnigen Hundeverordnungen herangezogen wird. Hier der Wortlaut:

„2.1.1.2.6 Verhaltensstörung : Hypertrophie des Aggressionsverhaltens

Definition :

Übersteigertes Angriffs-und Kampfverhalten, das leicht auslösbar und biologisch weder bezüglich Zweck noch Ziel sinnvoll ist.

Vorkommen :

Kann grundsätzlich in vielen Rassen oder Zuchtlinien auftreten, zeigt sich jedoch besonders ausgeprägt in bestimmten Zuchtlinien der Bullterrier, American Staffordshire Terrier und Pit Bull Terrier.

Genetik :

Erbgang ist nicht geklärt, jedoch sind Art und Ausmaß aggressiven Verhaltens zu einem erheblichen Teil auch genetisch determiniert, eine Tatsache, die im Rahmen der Selektion auf oder gegen Aggressionsverhalten immer schon mehr oder weniger konkret berücksichtigt wurde (LOCKWOOD, 1995).

Symptomatik :

Im Gegensatz zu normalem, kontrolliertem Aggressionsverhalöten, das schnell durch geeignete Signale beendet werden kann, (FOX, 1971; SCHENKEL, 1967), zeigt sich hypertrophes Aggressionsverhalten augefällig farin, daß jeder Sozialkontakt mit Aggression und Beschädigungsbeißen beantwortet wird. Die Beißhemmung gegenüber Sozialpartnern ( insbesondere gegen Artgenossen) kann sich nicht entwickeln. Biologisch notwendige Verhaltensweisen wie Welpenpflege oder Sexualverhalten werden durch die Aggression überdeckt und ausgeschaltet. Welpen zeigen bereits im Alter von 4 Wochen Kampf-und Beißspiele mit Beschädigungsbeißen (FEDDERSEN-PETERSEN, 1996).

Empfehlung :

Da hypertrophes Aggressionsverhalten artgemäßes Sozialverhalten verhindert, worin sich eine Form des Leidens manifestiert, sind züchterische Maßnahmen zwingend (siehe Seite 14, Nr. IIa). Für potentielle Zuchttiere ist ein Wesenstest zu fordern, in dem die Fähigkeiten zu sozielem Verhalten gegenüber Artgenossen nachzuweisen ist. Zuchtverbot für Tiere, die den Wesenstest nicht bestehen.“

Quelle:

http://www.maulkorbzwang.de/Briefe/urteile/qualzuchtgutachten.htm

Einstein - "Kampf"hund, der dies meistens nicht wusste...

Nun bin ich wahrlich kein Experte, aber ich kenne aus unserem Tierheim schon einige „Kampfhunde“. Und darunter auch ein paar wenige, die als „nicht einfach“ galten. Und übrigens sicher mehr „Nicht-Kampfhunde“, die als nicht einfach galten. Aber nicht einer davon zeigte auch nur im entferntesten ein so extremes Verhalten, wie es unter „Symptomatik“ beschrieben ist. Ausserdem ist klar, dass hier selbst bei so schwierigen Hunden, wie hier beschrieben, nur ein Zuchtverbot gefordert wird. Hier ist zudem von Zuchtlinie die Rede und nicht von ganzen Rassen.

Die im Gutachten zitierte Frau Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen nahm folgendermassen zur Fehlinterpretation ihrer Arbeit Stellung:

"In meinem Erstlingsbuch "Hundepsychologie" verwies ich auf die Gefahren eines schmalen Genpools bei Vernachlässigung des Verhaltens als Kriterium der Zuchtauswahl. Dazu zitierte ich die Schleger-Arbeit, die Welpen einer bestimmten Zuchtlinie des Bullterriers analysierte.

Ich habe immer darauf verwiesen, auch in dem Buch damals, daß diese Ergebnisse nicht pauschal auf die Rasse übertragen werden dürfen.

Dieses ist, nachdem wir etliche Bullterrier untersuchten, voll zu bestätigen.

Verhaltensgestört und gefährlich erwiesen sich sog. "Pit Bull" (Kreuzungen unterschiedlicher Rassen), die für den Hundekampf missbraucht wurden. Rassen mit "erhöhtem Gefährdungspotential" habe ich nie beschrieben. Es ging um Individuen, die missbraucht wurden (Kreuzungen).

"Außerdem gibt es eine Stellungnahme des recht bekannten Hundeexperten PD Dr. Udo Gansloßer, von der Zoologischen Beratung der Universität Greifswald zu diesem Gutachten. Leider ist diese Stellungnahme nicht im Internet öffentlich zugänglich. Darin ist nachzulesen, dass die Gefährlichkeit eines Hundes nicht mit seiner Größe und nur sehr bedingt mit seiner Rasse korreliert werden könne. Und in einem Nachtrag dazu ist noch zu lesen, dass die zur Begründung der „Anti-Listenhunde-Maßnahmen“ herangezogenen Dokumente keine wissenschaftliche Grundlage für solche Maßnahmen geben und sich praktisch ausschließlich auf Hunde beziehen, die zu keinem normalen Sozialverhalten zu Artgenossen mehr fähig seien. Auch gebe es weder eine stichhaltige genetische Begründung der durchgeführten Maßnahmen noch sei durch diese Maßnahmen eine signifikant verbesserte Umsetzung des Schutzzieles zu erreichen.

Weitere sehr lesenswerte Stellungnahmen zum Qualzuchtgutachten finden Sie u.a. unter folgenden Links:

http://www.hund-und-halter.de/files/Verein/Stellungn_Ansichten/pdf/Qualzuchtgua_Auseinanders_%2805.02%29_V2004.pdf

http://www.sos-hamburgdog.de/Gut_8.htm

http://archiv.hund-und-halter.de/arbeitpapiere/material/org/pdf/Kommentar%20zum%20Qualzuchtgutachten.PDF

Übrigens: In diesem Qualzuchtgutachten geht es eigentlich vor allem darum, Fehlentwicklungen zu korrigieren bzw. zu bekämpfen, die in der Zucht von Hunden, Katzen und anderen Haustieren dazu führen, dass diese Tiere Leiden. Dieser Bereich, der ca. 99% dieses Gutachtens ausmacht, hat in unserer Gesellschaft aber leider bei weitem nicht die Aufmerksamkeit erhalten wie das schlecht recherchierte Kapitel zur Aggression.

"Gin" - beschlagnahmter Bullterrier, der bei uns auf ein neues Zuhause wartet

Besonders aktiv in der Untersuchung und Erforschung des Verhaltens der „Kampfhunde“, aber auch in der Untersuchung der Frage, was das Verhalten eines Hundes wirklich beeinflußt, ist das „Institut für Tierschutz und Verhalten“ der tiermedizinischen Hochschule in Hannover. Weiter unten wird auf einige Arbeiten dieses Institutes verwiesen. Der Leiter Prof. Dr. Hackbarth fasst die Ergebnisse seiner Forschungen folgendermassen zusammen: „Es ist aber wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Gefährlichkeit eines Hundes nicht von der Rasse abhängt, somit sind Gesetzesvorlagen, die eine Rasseliste enthalten, unsinnig.“

Die oben schon einmal erwähnte Frau Dr. Dorit Feddersen-Petersen von der Universität Kiel, eine Verhaltenswissenschaftlerin mit dem Forschungsschwerpunkt Verhalten von Tieren aus der Familie der Hunde, hat ebenfalls zum Thema „Kampfhunde“ einiges veröffentlicht. Im Folgenden einige Zitate:

„Verhaltensbiologisch ist die "gefährliche Rasse" nicht zu benennen, es ist naturwissenschaftlich so unsinnig wie unbewiesen, einer Hunderasse a priori, also ohne Berücksichtigung der feindifferenzierten Verzahnung von genetisch bedingten Handlungsbereitschaften und den obligatorischen Lernvorgängen, eine gesteigerte "Gefährlichkeit" zuzuschreiben.“ (Quelle: http://www.sos-hamburgdog.de/Gut_2.htm)

Aus einem Redebeitrag zur Anhörung der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen vom 21.8.2000 stammt folgendes Zitat:

„Es gibt keine "gefährlichen Hunderassen", (weder nach Beißvorfällen noch wissenschaftlichen Erkenntnissen - ethologisch, tierzüchterisch, molekulargenetisch - folgen diese Benennungen seriösen, nachvollziehbaren Kriterien) - es gibt gefährliche Hundeindividuen. Die Wirksamkeit von HundeVO, die insbesondere auf Hunderassenverbote u.a. ausgerichtet sind, muß gering sein, Willkür bei der Rasseauswahl muß vorliegen, da es Rassen mit geringer Population sind, die z.T. keine bzw. wenig Beißvorfälle verursachten. Eine Ausrottung von Rassen ist völlig unverhältnismäßig!

Der Begriff "gefährlicher Hund" ist vielmehr rasseneutral für Individuen über bestimmte Merkmale zu bestimmen (der Situation nicht angemessenes Aggressionsverhalten, Angriffe und ungehemmtes Beißen (ohne Beißhemmung) von Sozialpartnern (Artgenosse, Mensch u.a. Tierarten).“

Auch Staffmix "Jim"-einst beschlagnahmt und bei uns den Wesenstest erfolgreich bestanden - sucht auf seine alten Tage noch eine neue Heimat

Aus einem Gutachten zur Frage, ob bei einigen Hunderassen a priori von einer gesteigerten Aggressivität und Gefährlichkeit gegenüber Menschen oder Tieren auszugehen ist:

„„Kampfhund“ ist ein populistischer Begriff, der soziologisch vieles und biologisch wenig aussagt, jedenfalls nicht das, was er zu suggerieren scheint.....

Rassen zu verdammen, weil bestimmte „Züchter“ mit bestimmten ihnen angehörenden Hunden Mißbrauch betreiben, was sowohl tierschutzrelevant als auch gefährlich ist, wäre unsachlich, unangemessen und zudem eine Ohrfeige für diejenigen Züchter und Halter, die sich um diese Rasse bemühen.....

Verordnungen, die pauschalieren, sind weder sinnvoll noch verhaltensbiologisch zu begründen, weil die von Hunden ausgehende potentielle Gefahr, wenn überhaupt, rasseneutral zu bestimmen ist...... Es ist daher sinnlos, die Zucht bzw. die Haltung bestimmter Rassen zu verbieten oder ihre Haltung von vornherein bestimmten Restriktionen zu unterwerfen. Der Missbrauch von Hunden wird so nicht gelöst, ebenso wenig wie das Problem der Menschengefährdung. Hunde müssen vielmehr leiden, weil Menschen sie ohne vernünftigen Grund zu einer Umweltgefährdung machten. Und hier ist anzusetzen. Es gilt, Menschen wirksam daran zu hindern, Hunde zu verhaltensgestörten oder verhaltensuntypischen und menschengefährdenden Individuen zu züchten und auszubilden. Merkmale, die auf Gefährlichkeit und Tierschutzrelevanz bzw. auf deren zwangsläufig zu erwartende Genese hinweisen, sind in den Verordnungen zu benennen, da Gefährlichkeit interpretiert werden muß (s.o.).“

Ein sehr interessantes Interview mit Frau Dr. Feddersen-Petersen insgesamt zum Thema Hundeerziehung ist hier nachzulesen:

http://www.br-online.de/content/cms/Universalseite/2010/10/06/cumulus/BR-online-Publikation-ab-01-2010--228911-20101006144730.pdf

Frau Prof. Dr. Irene Sommerfeld-Stur vom Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien unterhält eine Webseite, die sich mit dem Thema Hundezucht beschäftigt. Hier sind auch einige interessante Artikel zum Thema „Kampfhunde“ zu finden. Auch hier einige Zitate:

"Rex" bekommt dank Gesetzgeber nie mehr die Chance auf eine Vermittlung

„Aggressionsfördernde Situationen ergeben sich unabhängig von der Rasse der daran beteiligten Hunde. Auf der Basis spezieller Unfallsituationen lässt sich eine besondere Gefährlichkeit bestimmter Hunderassen somit nicht zulässigerweise ableiten....

Auf der Basis der besprochenen Literatur ist festzustellen dass Hunde zwar grundsätzlich ein Gefährdungspotential für Menschen und andere Tiere darstellen, dass die Gefahr, die von einem Hund ausgeht aber in keinem objektivierbaren Zusammenhang mit seiner Rassezugehörigkeit steht und sich auch nicht a priori mit ausreichender Sicherheit feststellen läßt.“ (Quelle: sommerfeld-stur.at/gefahren/rassen )

„Den "Kampfhund" im Sinne des Wortes gibt es also ausschließlich in einer kleinen kriminellen Szene und ganz sicher nicht in den Wohnzimmern oder Gärten der durchschnittlichen Hundehalter. Was es allerdings sehr wohl gibt, das ist der gefährliche Hund. Und den gefährlichen Hund den gibt es quer durch alle Rassen und durch alle Gesellschaftsschichten. Der Anteil von gefährlichen Hunden an der Gesamthundepopulation ist allerdings verschwindend klein. Weit mehr als 99% aller Hunde werden wohl niemals in ihrem Leben auffällig.

Der Gesetzgeber steht nun dennoch vor dem zugegebenermaßen schwierigen Problem, dem berechtigten Wunsch der Bürger nach Schutz vor gefährlichen Hunden zu entsprechen. Und damit stellt sich in erster Linie einmal ein Definitionsproblem. Die anscheinend einfachste Lösung ist die Definition bestimmter Hunderassen als besonders gefährlich, sozusagen die Erstellung einer "roten Liste", und die Verhängung von Auflagen für diese Hunde, die von Leinen- und Beißkorbzwang über Halte- und Zuchtverbot bis zu Wegnahme und Euthanasie der Hunde gehen kann.

Ganz abgesehen davon, dass in einem Rechtsstaat die Wegnahme und Euthanasie eines Hundes gegen den Willen des Eigentümers und ohne vernünftigen Grund rechtswidrig ist, und ein absoluter Leinenzwang auch aus einem primär ungefährlichen Hund einen gefährlichen machen kann, ist die Definition der Gefährlichkeit allein aufgrund der Rassezugehörigkeit sachlicher Unsinn.....

Oft wird auch der große Hund als besonders gefährlich angesehen. Das ist aber auch nur bedingt richtig. Es ist zwar klar, dass ein großer Hund, wenn er beisst, mehr Schaden anrichten kann als ein kleiner, einen Hund grundsätzlich als besonders gefährlich anzusehen, nur weil er eine bestimmte Größe überschreitet ist aber ebenso wenig sinnvoll, wie die Gefährlichkeit auf der Basis der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse zu definieren.“ (Quelle: sommerfeld-stur.at/gefahren/kampfhunde )

Nun werden noch einige Dissertationen aus dem „Institut für Tierschutz und Verhalten“ der tiermedizinischen Hochschule in Hannover vorgestellt:

Staffmix "Nico" sucht ebenfalls noch sein Traumzuhause!

Andrea Steinfeld kommt im Jahr 2002 in ihrer Dissertation „"Kampfhunde": Geschichte, Einsatz, Haltungsprobleme von "Bull-Rassen"; eine Literaturstudie“ zu folgendem Ergebnis: „Die Bezeichnung "Kampfhund" als Überbegriff für alle Angehörigen bestimmter Rassen bleibt aber aus vielen Gründen abzulehnen. Formen von übersteigertem Angriffs- oder Aggressionsverhalten können bei Hunden durch verschiedene endogene und exogene Faktoren entstehen, wobei die Rassezugehörigkeit keine Rolle spielt. Aus veterinärmedizinischer Sicht sollte die Gefährlichkeit von Hunden ausschließlich anhand ihres Individualverhaltens beurteilt werden. Dabei muß der Begriff "Kampfhund" unbedingt vermieden werden, weil er historischen Ursprungs ist und sich auf Hundepopulationen bezog, die leistungsorientiert für Kämpfe gezüchtet wurden und die in dieser Form heute nicht mehr existieren.“

Zusammenfassung: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/steinfeldta_2002.html

Gesamte Arbeit: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/steinfeldta_2002.pdf

Angela Mittmann kommt in ihrer Dissertation „Untersuchung des Verhaltens von fünf Hunderassen und einem Hundetypus im Wesenstest nach den Richtlinien der Niedersächsischen Gefahrtierverordnung vom 05.07.2000“ im Jahr 2002 zum Ergebnis, dass dieser Test geeignet ist, um inadäquat und/oder gestört aggressive Hunde zu selektieren. „Die Aufteilung der Hunde in zwei Kategorien [also Kampfhunde und andere Hunde – d.V.]… ist infolgedessen [aber] nicht gerechtfertigt.“ Und „Darüber hinaus sind eine verantwortliche Hundezucht, eine gute Sozialisation der Welpen und eine sachkundige und verantwortungsbewusste Haltung aller Hunde unverzichtbar, um der Entstehung inadäquat und gestört aggressiven Verhaltens vorzubeugen und ein entspanntes Zusammenleben von Mensch und Hund zu gewährleisten.“

Zusammenfassung: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/mittmanna_2002.html

Gesamte Arbeit: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/mittmanna_2002.pdf

Andrea Boettjer bietet in ihrer Dissertation mit dem Titel „Untersuchung des Verhaltens von fünf Hunderassen und einem Hundetypus im innerartlichen Kontakt des Wesenstestes nach den Richtlinien der Niedersächsischen Gefahrtier-Verordnung vom 05.07.2000“ eine Erziehungshilfe.

"Ferdinand", Liebling vieler Kinder - trotz "Kampfhunde"dasein

„Als umso wichtiger ist daher die Möglichkeit des Hundes zu freiem Kontakt mit anderen Hunden ohne Leinenzwang einzuschätzen. Höchstsignifikant mehr im Test beißende als nicht beißende Hunde hatten vor Inkrafttreten der Verordnung nie die Gelegenheit, ritualisierte Kommunikation unter Artgenossen einzuüben. Es wurde ferner der höchstsignifikante Zusammenhang zwischen aversiven Erziehungsmaßnahmen, insbesondere dem Einsatz des Leinenruckes, und dem Auftreten von Drohverhalten bzw. Beißen im Test gezeigt. Fehlende Freilaufmöglichkeit und der Einsatz aversiver Erziehungsmittel stehen in direktem Zusammenhang mit dem Vorkommen von Beißen im Hund-Hund-Kontakt des Wesenstestes. Damit sind Freilauf bei gleichzeitiger Möglichkeit der Kommunikation mit Artgenossen und der Verzicht auf aversive Erziehungsmittel, insbesondere den Leinenruck, die wichtigsten untersuchten Möglichkeiten des Halters, einem Beißen anderer Hunde in Wesenstestsituationen und - übertragen - Alltagssituationen an der Leine entgegenzuwirken.“

Dies ist eine von mehreren Arbeiten, die sich sehr kritisch mit Maßnahmen auseinandersetzt, die oft im Zusammenhang mit „Kampfhunden“ oder aggresiven Hunden von Laien verlangt werden. Insbesondere die dauerhafte Maulkorb- und die Leinenpflicht sind kontraproduktiv und widersprechen auch noch dem Tierschutzgesetz. Der Leinenruck als Erziehungsmethode erweist sich als völlig falsch. Dies dürfte selbst viele Menschen, die über einige Erfahrung im Umgang mit Hunden verfügen, überraschen. Insgesamt betont diese Arbeit wieder, dass das Verhalten des Hundes nicht von der Rasse, sondern von Umweltbedingungen und Erziehung abhängig ist.

Zusammenfassung: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/boettjera_ws03.html

Gesamte Arbeit: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/boettjera_ws03.pdf

Sandra Bruns schreibt 2003 in ihrer Dissertration „Fünf Hunderassen und ein Hundetypus im Wesenstest nach der Niedersächsischen Gefahrtier-Verordnung vom 05.07.2000: Faktoren, die beißende von nicht-beißenden Hunden unterscheiden“: „Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Sachkunde der Halter entscheidend dazu beiträgt, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund mit Beißen reagiert, zu minimieren. Dies wird insbesondere durch das Etablieren einer entspannten Hund-Halter-Beziehung sowie durch fundierte Kenntnisse des Hundeverhaltens und tiergerechte Trainingsmethoden erreicht.“

Auch hier wird nochmals der Leinenruck als falsches Erziehungsmittel beurteilt und wieder ist nicht die Rasse ein relevanter Faktor zur Unterscheidung von beißenden und nicht-beißenden Hunden!

"Eva Knutschkugel" - einfach zum verlieben...

Zusammenfassung: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/brunss_2003.html

Gesamte Arbeit: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/brunss_2003.pdf

Tina Johann kommt 2004 in ihrer Dissertation „Untersuchung des Verhaltens von Golden Retrievern im Vergleich zu den als gefährlich eingestuften Hunden nach der Niedersächsischen Gefahrtierverordnung vom 05.07.2000“ zum Schluß: „Die Ergebnisse zeigen, dass es nicht legitim ist, bestimmte Rassen zu diskriminieren und sie den Verboten und Einschränkungen von so genannten Rasselisten zu unterwerfen. Vielmehr sollte in unserer Gesellschaft ein kompetenter, fachlich gebildeter und verantwortungsvoller Hundebesitzer gefördert werden, denn dies ist eine wirkungsvolle Maßnahme, um Verhaltensproblemen bei Haushunden vorzubeugen.“

Zusammenfassung: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/johannt_ws04.html

Gesamte Arbeit: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/johannt_ws04.pdf

Ruth Paproth schreibt 2004 in ihrer Dissertation „Fälle von Hundeangriffen in Deutschland, eine Internetbefragung“: „Die Befragung macht deutlich, dass viele Hunde schon im Vorfeld durch aggressives Verhalten, sowohl Hunden als auch Menschen gegenüber, auffällig waren. Durch rechtzeitiges Erkennen der Probleme hätte fachkundiger Rat eingeholt und somit eventuell einige dieser Beißvorfälle vermieden werden können. Dazu ist jedoch Grundwissen über das Verhalten von Hunden vorauszusetzen. Deshalb wird zu Beginn der Arbeit auf dieses Thema eingegangen.

Insgesamt ergab die Befragung eine große Vielfalt an Hunderassen, die gebissen haben, jedoch deutet die Auswertung auf keine bestimmte Rasse als typischen „Beißer“ unter den angegebenen Fällen hin. So wurden im Fragebogen für Hundehalter andere Rassen benannt, als im Fragebogen für Opfer von Beißvorfällen. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass Aggressivität und das Eintreten von Beißvorfällen situationsunabhängig nur auf die Rasse eines Hundes zurück zu führen sind.“

Zusammenfassung: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/paprothr_ws04.html

Gesamte Arbeit: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/paprothr_ws04.pdf

Jennifer Hirschfeld kommt 2005 in ihrer Dissertation „Untersuchung einer Bullterrier-Zuchtlinie auf Hypertrophie des Aggressionsverhaltens“ zum Ergebnis: „Mithin hat diese Untersuchung keinerlei Hinweise auf ein inadäquat oder gestört aggressives Verhalten bzw. eine Hypertrophie des Aggressionsverhaltens bei dieser Bullterrier-Zuchtlinie ergeben. Tatsächlich zeigte sich hingegen die weit überwiegende Mehrheit der Hunde während der gesamten Studie sowohl sozial kompetent, als auch zur Kommunikation und Konfliktlösung befähigt.“

Zusammenfassung: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/hirschfeldj_ss05.html

Gesamte Arbeit: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/hirschfeldj_ss05.pdf

Wenn Sie bis hierher durchgehalten haben, kann ich nur sagen: Respekt! Ich hätte schon lange aufgegeben. Schließlich ist es doch ziemlich langweilig, im Kern immer dasselbe zu lesen. Dass nämlich die Rasse ein untaugliches Kriterium zur Vorhersage der Gefährlichkeit eines Hundes ist. Aber – wahrscheinlich sogar wider besseres Wissen und aus purem Populismus - predigen das unsere Medien weiter und unsere Politiker erlassen entsprechende Verordnungen und Gesetze.

Als Belohnung für diejenigen, die so lange durchgehalten haben, im zweiten Unterpunkt (Rede Teichert) noch eine Satire zum Thema Kampfhunde, die dem Leser vielleicht das eine oder andere Schmunzeln aufs Gesicht zaubern wird, aber leider eine ziemlich korrekte Beschreibung unserer Realität ist.